Freddy Litten

Oskar Perron ‒ Kurzbiographie

Die folgende Kurzbiographie wurde ursprünglich 1993 für den zweiten Band des "Professorenkatalogs" der Ludwig-Maximilians-Universität München verfaßt und 2000 auf den damals neuesten Stand gebracht. Da jedoch das Erscheinen dieses Bandes immer noch nicht absehbar ist, wird sie hiermit in seitdem unveränderter Form im Internet präsentiert, um vielleicht doch noch von Nutzen zu sein.
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Perron, Oskar, * 7. 5. 1880 Frankenthal, + 22. 2. 1975 München. (ev.) oo 28. 7. 1906 Hermine Perron, * 30. 5. 1883 Frankenthal, + 1961.
V Heinrich, Bankier, * 30. 8. 1850 Frankenthal, + 25. 8. 1925 Oberstdorf; M Auguste Leinenweber, * 4. 10. 1857 Pirmasens, + 22. 12. 1924 Frankenthal; oo 30. 5. 1876.

Ostern 1898 legte P. seine Reifeprüfung am humanistischen Gymnasium in Worms ab und studierte anschließend Mathematik und Physik an den Univ. München und Berlin. In München hörte er unter anderem bei Ferdinand Lindemann und Alfred Pringsheim. Am 7. 5. 1902 promovierte er in München bei Lindemann mit der Arbeit "Über die Drehung eines starren Körpers um seinen Schwerpunkt bei Wirkung äußerer Kräfte", am 31. 10. 1902 bestand er den zweiten Abschnitt der Lehramtsprüfung für Mathematik und Physik. Nach weiteren Studien an den Univ. Tübingen und Göttingen (bei David Hilbert) habilitierte er sich am 30. 6. 1906 an der Univ. München und wurde am 20. 8. 1906 zum Priv.-Doz. für Mathematik dort ernannt. Vom 1. 4. 1910 bis 31. 3. 1914 war P. ao. Prof. an der Univ. Tübingen, ab 1. 4. 1914 o. Prof. an der Univ. Heidelberg. Von März 1915 bis September 1918 war P. zum Heeresdienst eingezogen, den er großenteils an der Westfront verbrachte. Zum 1. 10. 1922 wechselte er von der Univ. Heidelberg an die Univ. München als Nachfolger Alfred Pringsheims auf dem Lehrstuhl für Mathematik. Während der 20er Jahre war er zeitweise Dekan der Philosophischen Fakultät II. Sektion und Mitglied des Senats der Univ. München. In der Zeit des Nationalsozialismus wehrte sich P. wie wenige gegen Eingriffe der Behörden und ideologisch motivierter Personen vor allem an der Naturwissenschaftlichen Fak. der Univ. München. Im Januar 1946 wurde P. von der amerikanischen Militärregierung im Amt bestätigt, später war er Vertreter der Naturwissenschaftlichen Fak. im Vorprüfungsausschuss (für die Entnazifizierung) der Univ. München. Am 1. 4. 1951 wurde er emeritiert, blieb aber sowohl als Mathematiker wie auch als Bergsteiger noch viele Jahre aktiv. P. war Mitglied der Bayer. (1924) und der Heidelberger (1917) Akad. der Wissenschaften, der Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen (1928) sowie der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina (1919), Ehrendoktor der Univ. Tübingen (1956) und Mainz (1960), sowie 1934 Vorsitzender der Deutschen Mathematiker-Vereinigung. An Auszeichnungen erhielt er das Eiserne Kreuz II. Klasse, das Ehrenkreuz für Frontkämpfer, 1928 den Titel eines Geheimen Regierungsrates und 1959 den Bayer. Verdienstorden.

In über 200 Veröffentlichungen, entstanden in einem Zeitraum von mehr als 70 Jahren, berührte P. mit großem Erfolg zahlreiche Teilgebiete der Mathematik. Sieht man von den Arbeiten zur hyperbolischen Geometrie ab, die P. vor allem in den 1960er Jahren beschäftigten, wechselte er gern die Gebiete, ohne sie aber endgültig zu verlassen. Kettenbrüche, speziell der Jacobische(-Perronsche) Kettenbruchalgorithmus waren Thema der Habil. 1906 und der letzten Publikation 1973. Verwandt damit sind die Arbeiten über diophantische Approximationen (besonders auch im Komplexen) und die Perronschen Übertragungssätze. Auf dem Gebiet der unendlichen Reihen findet man bedeutende Leistungen P.s vor allem bei den asymptotischen und divergenten Reihen. Auch bei der Behandlung der Differenzen- und gewöhnlichen Differentialgleichungen machte P. vielfach Fortschritte (z. B. Stabilität und asymptotisches Verhalten von Lösungen, Existenz von Lösungen, lineare Differentialgleichungen mit rationalen Koeffizienten, Perronsches Integral). Bei den partiellen Differentialgleichungen wurde die Perronsche Methode beim Dirichlet-Problem berühmt. Aber nicht nur die Theorie, die Anwendung fand ebenfalls P.s Interesse, so bei der Behandlung von Drei- und Mehrkörperproblemen in der Himmelsmechanik. Daneben gibt es noch zahlreiche Arbeiten, beispielsweise zur algebraische Geometrie der Hyperflächen, zur Zahlentheorie und zur Matrizentheorie (Satz von Frobenius und Perron). Anschaulichkeit und strenge Beweisführung waren ebenso Kennzeichen der P.schen Lehrbücher über die Kettenbrüche, die Irrationalzahlen und zur Algebra, die in mehreren Neuauflagen Generationen von Mathematikstudenten begleiteten. Neben diesen herausragenden Leistungen in der "klassischen" Mathematik - die "moderne", abstraktere Art fand seinen Gefallen nicht - war P. auch als Dozent dank seiner präzisen und manchmal mit Humor unterlegten Vorlesungen bei den Hörern sehr beliebt. P. schrieb zudem eine Reihe von Nachrufen, so auf seinen Lehrer Pringsheim und auf seine beiden Münchener Kollegen Constantin Carathéodory und Heinrich Tietze, die mit ihm zusammen das "Münchener Dreigestirn" der Mathematik gebildet hatten.

Q UAM, OC-N 14 Oskar Perron, E-II-N Oskar Perron; BayHStAM, MK 55040; Archiv der Bayer. Akad. der Wissenschaften, Oskar Perron (W).

W Über die Drehung eines starren Körpers um seinen Schwerpunkt bei Wirkung äußerer Kräfte, Diss. Univ. München 1902; Grundlagen für eine Theorie des Jacobischen Kettenbruchalgorithmus, Leipzig 1906, Habil. Univ. München; Die Lehre von den Kettenbrüchen, Leipzig 1913, 3. Auflage in zwei Bänden, Stuttgart 1954, 1957 (Nachdruck Stuttgart 1977); Irrationalzahlen, Berlin 1921, 4. Auflage Berlin 1960; Algebra I, II, Berlin 1927, 3. Auflage Berlin 1951; Nichteuklidische Elementargeometrie der Ebene, Stuttgart 1962.

L DBA N. F.; Poggendorff, Bde. V, VI, VIIa (W); K. Huther, Lebensbild O. P., Frankenthaler Zeitung, Mai 1966 (Sonderdruck); W. E. Böhm, G. Paehlke, Forscher und Gelehrte, Stuttgart 1966, 121-123 (P); I. Paasche, O. P. 90 Jahre, Praxis der Mathematik 12 (1970), 96-97 (P); H. Schmidt, O. P., Jahrbuch der Bayer. Akad. der Wissenschaften 1976, München 1976, S. 217-227 (P); E. Hlawka, Das Werk P.s auf dem Gebiete der diophantischen Approximationen, Jahresbericht der Deutschen Mathematiker-Vereinigung 80 (1978), 1-12; J. Heinhold, O. P., Jahrbuch Überblicke Mathematik 1980, S. 121-139 (W, P); E. Frank, O. P., Journal of Number Theory 14 (1982), 281-291 (W, P); D. Drüll, Heidelberger Gelehrtenlexikon 1803-1932, Berlin 1986, 203; K. Seebach, Verzeichnis der unter O. P. angefertigten Dissertationen, Jahresbericht der Deutschen Mathematiker-Vereinigung 90 (1988), 198-199; F. Litten,O. P. - Ein Beispiel für Zivilcourage im Dritten Reich, Frankenthal einst und jetzt, H. 1/2 (1995), 26-28 (P); F. Litten NDB 20 (2001).

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F. Litten

8.3.2004