Freddy Litten

Georg Recknagel ‒ Kurzbiographie

Die folgende Kurzbiographie wurde ursprünglich 1993 für den zweiten Band des "Professorenkatalogs" der Ludwig-Maximilians-Universität München verfaßt und 2000 auf den damals neuesten Stand gebracht. Da jedoch das Erscheinen dieses Bandes immer noch nicht absehbar ist, wird sie hiermit in seitdem unveränderter Form im Internet präsentiert, um vielleicht doch noch von Nutzen zu sein.
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Recknagel, Georg, * 10. 4. 1835 Gersfeld/Rhön, + 22. 5. 1920 Westheim. (kath.) oo 1865 Mathilde Basel, * 1837 Seßlach, + 1870, oo 1873 Anna Riegel.
V Arzt, + 1840; M Beraz, + 1880.

1853 erhielt R. sein Abitur am Gymnasium Würzburg und studierte bis 1858 an der Univ. Würzburg, danach an der Univ. München anfangs verschiedene Fächer, später Mathematik und Physik. 1860 legte er die Lehramtsprüfung für Mathematik und Physik ab, 1861 gelang ihm die Lösung einer Preisaufgabe der Phil. Fak. der Univ. München über Lamberts Photometrie, mit der er am 13. 7. 1861 promovierte. R. habilitierte sich am 8. 8. 1863 in Physik und wurde am 9. 12. 1863 zum Priv.-Doz. ernannt. Von 1. 10. 1864 bis September 1866 war er Dozent für Mathematik und Physik an der Forsthochschule Aschaffenburg, danach Mathematik-Assistent am Ludwigs-Gymnasium München. Bei dieser Gelegenheit bemühte sich R. erfolgreich um Wiedererlangung der venia legendi an der Univ. München. 1868 wurde er, wiederum unter Enthebung als Priv.-Doz., zum Prof. am Realgymnasium München ernannt, 1870/1871 übernahm er die Vertretung des physikalischen Unterrichts an der Industrieschule München. Zwischen 1868 und 1872 war er zugleich Assistenzlehrer für Physik an den Kgl. Bayer. Militärbildungsanstalten. Am 1. 10. 1872 wurde er Rektor der Industrieschule Kaiserslautern, 1875 u. a. Vorstand des Kaiserslauterner Gewerbevereins, 1883 erhielt er das Ritterkreuz I. Klasse des Verdienstordens vom Hl. Michael. Mit Schließung der Kaiserslauterner Industrieschule wurde R. zum 16. 12. 1887 zum Gymnasialprof. an der Studienanstalt Passau ernannt; 1888 wählte ihn die Bayer. Akad. der Wissenschaften zum korrespondierenden Mitglied. Nach verschiedenen Versetzungsgesuchen wurde R. zum 1. 3. 1891 zum Prof. für Mathematik und Physik am Realgymnasium Augsburg ernannt, als dessen Rektor er ab 16. 1. 1892 fungierte. Am 21. 12. 1902 erhielt er Titel und Rang eines Oberstudienrates, am 1. 9. 1905 wurde er in den dauernden Ruhestand versetzt. Im Alter betätigte er sich auch als humoristischer Schriftsteller.

Anfangs hatte sich R. intensiver mit der Physik der Gase beschäftigt. Seine Bedeutung liegt jedoch vor allem auf zwei Gebieten: dem Verfassen von Lehrbüchern und Kompendien für den mathematischen und physikalischen Unterricht, und seinen Arbeiten zur hygienischen Physik und Technik. Aus der ersten Gruppe sind erwähnenswert die in mehreren Auflagen erschienene "Ebene Geometrie für Schulen" und das "Compendium der Experimentalphysik". Im zweiten Bereich lag R.s Schwerpunkt auf der Behandlung von Lüftungsfragen, z. B. der Frage der Druckverhältnisse zur Beseitigung von Zugluft oder Gerüchen. Bei den praktischen Anwendungen ist eine Schrift von 1878 über ein Anemometer zu nennen. Noch kurz vor seinem Tode vollendete R. die zweite Auflage des Buches "Die Berechnung der Warmwasserheizungen", die sein Sohn Hermann, ebenfalls ein anerkannter Fachmann im Bereich der Lüftungs - und Heizungstechnik, aufgrund seines frühen Todes nicht mehr hatte vollenden können

Q UAM, E-II-N Georg Recknagel; BayHStAM, MF 28558, MK 16760; BayHStAM, Kriegsarchiv, OP 73280; Archiv der Bayer. Akad. der Wissenschaften, G. R.

W Lamberts Photometrie und ihre Beziehung zum gegenwärtigen Standpunkte der Wissenschaft, Diss. Univ. München 1861; Thermometrische Versuche, Habil. Univ. München 1863; Ebene Geometrie für Schulen, München 1871; Compendium der Experimentalphysik nach Jamin's "petit traité", Stuttgart 1874-1876; Über ein zu Geschwindigkeitsmessungen an Luftströmen geeignetes Instrument (Anemometer), Wiedemann's Annalen der Physik und Chemie 4 (1878); Theorie des natürlichen Luftwechsels (vorgetragen von Pettenkofer), Teile 1 und 2, Sitzungsberichte der mathematisch-physikalischen Klasse der Bayer. Akad. der Wissenschaften (1878), 424-504, Teile 3 und 4, Sitzungsberichte der mathematisch-physikalischen Klasse der Bayer. Akad. der Wissenschaften (1880), 33-88; Die Wohnung, mit R. Emmerich, in: Handbuch der Hygiene und der Gewerbekrankheiten, Bd. I, 2 (4), Leipzig 1894; Über Abkühlung geschlossener Lufträume durch Wärmeleitung und Über Erwärmung geschlossener Lufträume, Sitzungsberichte der mathematisch-physikalischen Klasse der Bayer. Akad. der Wissenschaften (1901), 79-110; Lehrbuch der ebenen Geometrie mit vorbereitender Raumlehre, mit G. Wetzstein, München 1910.

L DBA N. F.; Poggendorff, Bde. III, IV, V, VI (W); S. Günther, G. R., Jahrbuch der Bayer. Akad. der Wissenschaften 1920, München 1921, 26-28; H. Gröber, H. Rietschels Leitfaden der Heiz- und Lüftungstechnik, Berlin 8. Aufl. 1928.

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F. Litten

8.3.2004