Freddy Litten

Wilhelm Prandtl ‒ Kurzbiographie

Die folgende Kurzbiographie wurde ursprünglich 1993 für den zweiten Band des "Professorenkatalogs" der Ludwig-Maximilians-Universität München verfaßt und 2000 auf den damals neuesten Stand gebracht. Da jedoch das Erscheinen dieses Bandes immer noch nicht absehbar ist, wird sie hiermit im Internet präsentiert, um vielleicht doch noch von Nutzen zu sein.
Bei Verwendung des hier gebotenen Inhalts geben Sie bitte Verfasser, Titel und Webadresse an.

Prandtl, Wilhelm Antonin Alexander, * 22. 3. 1878 Hamburg, + 22. 10. 1956 München. (kath.) oo 21. 3. 1914 Anna Kuh1, * 29. 5. 1889 Wien, + 14. 4. 1953 München.
V Antonin, Braumeister, * 8. 6. 1842 München, + 13. 1. 1909 Haar; M Eleonore Lietlein, * 19. 2. 1854 Eisenstein/Böhmen, + 18. 2. 1900 München. [Vetter von Ludwig Prandtl].

P. absolvierte 1897 das humanistische Gymnasium in München und studierte anschließend an der Univ. München Chemie. Am 18. 7. 1901 promovierte er dort bei K. A. Hofmann; daraufhin war er bis 1903 in einem chemischen Betrieb in Aussig/Österreich tätig. Vom 1. 10. 1903 bis 30. 9. 1910 war er Assistent zuerst Albert Hilgers, dann Theodor Pauls am Pharmazeutischen Institut und Laboratorium für angewandte Chemie der Univ. München. Am 18. 7. 1906 habilitierte er sich bei Adolf von Baeyer und wurde am 20. 8. 1906 zum Priv.-Doz. ernannt. Die Ernennung zum ao. Prof. für anorganische Chemie an der Univ. München erfolgte zum 1. 12. 1910; damit übernahm er auch als Nachfolger K. A. Hofmanns die anorganische Abteilung am Chemischen Laboratorium des Staates und wurde dort am 15. 3. 1912 zum (unbesoldeten) Abteilungsvorsteher ernannt. 1917 bis 1918 war P. als Betriebsassistent an das Kaiser-Wilhelm-Institut für Physikalische Chemie und Elektrochemie in Berlin-Dahlem abkommandiert. Nach dem Ersten Weltkrieg setzte er innerhalb der Phil. Fak. II. Sektion die uneingeschränkte Beteiligung der Nichtordinarienvertreter an Fakultätssitzungen durch. Am 28. 6. 1933 stellte Heinrich Wieland den Antrag, P. Titel und Rang eines o. Prof.s zu verleihen; der Antrag wurde u. a. wegen der "nichtarischen" Abstammung der Ehefrau P.s am 5. 1. 1935 abgelehnt. Aus diesem Grund erfolgte auch am 25. 6. 1937 die Ruhestandsversetzung P.s nach 6 des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums. Anfang 1946 begann P. seine Rehabilitierung zu betreiben, woraufhin er am 28. 5. 1946 zum "planmäßigen ao. Prof. mit der Stellung eines o. Prof." ernannt und mit Wirkung vom 1. 6. 1946 von seinen Verpflichtungen entbunden wurde. Im April 1948 begann P. Verhandlungen mit der Univ. München, um seine Privatbibliothek mit Werken zur Wissenschaftsgeschichte im Rahmen eines Seminars für Geschichte der Naturwissenschaften für die Univ. nutzbar zu machen. Am 3. 12. 1948 erfolgte die Genehmigung des Bayer. Kultusministeriums zur Gründung dieses Seminars ohne Personal- und Sachetat; ein Vertrag zwischen P. und dem Verwaltungsausschuß der Univ. München kam jedoch aufgrund fehlender Genehmigung nicht zustande. Ohne daß es dort zu einem Lehrbetrieb gekommen war, übernahm nach dem Tod P.s Kurt Vogel die kommissarische Leitung des Seminars, das offiziell der Naturwissenschaftlichen Fak. unterstand.

Abgesehen von einigen Arbeiten über Kohlensäurederivate, Gaskampfstoffe und Vanadinkomplexe lag der Schwerpunkt der chemischen Arbeiten P.s bei den Seltenen Erden. Bis zu seiner erzwungenen Ruhestandsversetzung 1937 gelang ihm die Darstellung fast aller dieser Elemente in Form von Doppelsalzen. Seine grundlegenden Ergebnisse wurden u. a. von Otto Hönigschmid für Atomgewichtsbestimmungen und von A. Gatterer für die Aufnahme von Spektren an der Vatikan-Sternwarte benutzt. Neben anderem war P. Mitarbeiter am Handbuch der anorganischen Chemie ("Gmelin"). In der Chemiegeschichte, die er vertieft ab 1937 betrieb, lag der Schwerpunkt der Beschäftigung P.s auf der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts; bekannt ist auch seine Geschichte des Chemischen Laboratoriums in München (späteres Chemisches Institut der Univ. München). Zu seinen Schülern gehörten Benno Bleyer, Wilhelm Franke und Günther Endres.

Q UAM, E-II-N Wilhelm Prandtl, OC-N 14 Wilhelm Prandtl; BayHStAM, MK 44142.

W Über einige neue Bestandteile des Euxenits, Diss. Univ. München 1901; Verbindungen höherer Ordnungen zwischen den Oxyden RO2 und R2O5. Ein Beitrag zur Systematik anorganischer Verbindungen, Habil. Univ. München 1906; Die Literatur des Vanadin, Hamburg 1906; Gaskampfstoffe und Gasvergiftungen, mit Julius Fessler und Hubert Gebele, München 1931; Darstellung der Seltenen Erden, Zeitschrift für anorganische und allgemeine Chemie 238 (1938), 321-334; Antonin Prandtl und die Erfindung der Entrahmung der Milch durch Zentrifugieren, München 1938; Humphry Davy, Jöns Jacob Berzelius, Zwei führende Chemiker aus der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts, Stuttgart 1948; Die Geschichte des Chemischen Laboratoriums der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in München, Weinheim 1952; Deutsche Chemiker in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, Weinheim 1956.

L DBA N. F.; Bosl; Poggendorff, Bde. V, VI, VIIa (W); W. Hieber, W. P. zum 70. Geburtstag, Naturwissenschaftliche Rundschau 1 (1948), 40-41; W. P. zum siebzigsten Geburtstag, Zs. für anorganische Chemie 256 (1948), 1-2; R. E. Oesper, W. P., Journal of Chemical Education 26 (1949), 398-399; W. Leibbrand, W. P., Archives Internationales d'Histoire des Science 10 (1957), 91-92; NDB 20 (2001).

P Wilhelm Prandtl, Die Geschichte des Chemischen Laboratoriums der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in München, Weinheim 1952, 75.

1 23.5.2013: Korrektur von "Kul" auf "Kuh" nach Hinweis von Max Bucher auf das "Biographische Gedenkbuch der Landeshauptstadt München" und den dortigen Eintrag zu Cäcilie Kuh, geb. Goldscheider (1866-1942), der Mutter von Anna Prandtl. Zurück

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F. Litten

23.5.2013